In der Natur sehen wir jedes Jahr den Lauf der Zeit als Wechsel der Jahreszeiten. Jedem Winter folgt ein Frühling, ein Sommer, dann der Herbst und wieder ein Winter. Für uns ist das ganz normal, manch einer denkt im Herbst mit Wehmut an den Frühling. Aber niemand bricht in Tränen aus, wenn der Winter kommt und die Blumen vergehen. Betrachtet man ein Menschenleben gibt es eigentlich auch diesen Lauf der Zeit - ein Baby wird geboren, wächst heran, wird erwachsen, bekommt irgendwann selber Kinder, wird alt und irgendwann geht auch dieses Leben zu Ende. Tritt man drei große Schritte zurück und betrachtet das ganze, so fügt sich der Mensch letztendlich in den "Wechsel der Jahreszeiten" ein. Wir befinden uns mitten im Leben, spüren Wehmut und Trauer über Vergangenes und Erlebtes - nur kommt für jeden einzelnen kein Frühling nach dem Winter.
An diesem Wochenende wurde ein Haus leer geräumt - ein Haus in dem Kinder groß wurden und hinaus in die Welt zogen, in dem Erwachsene älter wurden, in dem einer starb und einer nicht mehr alleine wohnen konnte - und jetzt? Zwei einhalb Jahre stand es leer und nun soll eine neues Leben mit Familie und Kindern einziehen. Für das Haus wird es einen Frühling geben. Dafür muss alles von dem vorigen Leben ausziehen. Ich bin froh, das einige Dinge aus diesem Leben in mein Leben einziehen dürfen. Immer wenn ich sie sehe oder benutze werde ich mich an die Menschen erinnern, denen sie einmal gehört haben. Natürlich habe ich auch ein paar "Schätze" für das Nähzimmer gerettet....
Auf dieser Nähmaschine (ich hoffe sie funktioniert noch!) wurden die Faschingskostüme meines Mannes genäht, sowie unzählige Vorhänge - Von denen sich einige hier in diesem Korb befinden:
Es gab noch alte Burda Schnittmuster, Burda Näh- und Stickzeitungen...
Kisten voller Zubehör, Spitze, Schrägbändern und Kordeln...
Und ein ganz besonderer Schatz ist diese Kiste von "Gütermann" mit dem Lebenszyklus der Seidenspinner Raupe! Die bekommt im Nähzimmer einen Ehrenplatz!
Manchmal habe ich lieber "alte" Dinge, Dinge mit einer Geschichte, um mich herum. Ich stelle mir dann die Menschen vor, denen sie ursprünglich einmal gehört haben und "schaue ihnen zu" wie sie diese benutzen. Vielleicht haben sie diese selbst hergestellt oder auch schon von jemanden geerbt. Ich trage das Nachthemd meiner Oma - und einen Ledermantel meiner anderen Oma - in meinem Schrank hängt auch ihr Hochzeitskleid, das auch ich schon getragen habe. So bin ich ihnen in manchen Momenten nahe. Im Schlafzimmer stehen Nachtische einer Großtante von einem Freund meiner Eltern. Wir haben sie vor Jahren im Hochsommer aus einem alten Haus im Osten der Stadt geholt. Ab und zu denke ich an diese alte Dame, obwohl ich sie nicht einmal gekannt habe. Für mich lebt sie in diesen Tischchen weiter. Hätte ich keine Kinder, die hoffentlich Stücke aus meinem Leben erhalten, so würde ich mir wünschen, das die Dinge von mir nicht einfach auf der Müllhalde landen, sondern bei jemanden einen Platz finden. So würde ich vielleicht keinen Frühling erleben, aber Dinge die zu mir gehörten.